2020-Vertikal-Horizontal-Diagonal

Ansprache zur Eröffnung der Ausstellung „Vertikal, Horizontal, Diagonal.“ 01. März 2020 in der Ziegelhütte Darmstadt.  Silke Henning
Wie begegne ich einem Raum?
Als Künstler, als Künstlerin…


Beide Künstlerinnen, Marie Luise Frey und Meide Büdel, arbeiten viel im und ich möchte sagen: „mit“ dem öffentlichen Raum.
In diesem Kontext habe ich die beiden Künstlerinnen auch kennen gelernt.
Während meiner Ausbildung zur Pfarrerin habe ich ein Jahr lang im Referat für Kunst und Kirche der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau gearbeitet. Und in dieser Zeit habe ich öfter miterleben dürfen, wie ein bestimmter Raum und ihre Kunst einander begegnet sind.
Gerade der öffentliche Raum – das sind nicht Orte, zu denen Menschen gezielt gehen, um mit Kunst in Berührung zu kommen, sondern es sind eben Orte, in denen sich Menschen ganz selbstverständlich innerhalb ihres Lebens bewegen. Es sind Räume, die eine ganz bestimmte Funktionalität haben. Und die Menschen, die diese Räume begehen, haben dabei ihre Erwartungen und Gewohnheiten.
Wenn ich in ein Museum oder in eine Galerie gehe, erwarte ich mit Kunstobjekten in Berührung zu kommen. Dementsprechend verhalten sich Menschen auch. Es ist aber ganz anders, wenn ich an einen gewohnten Ort komme, von dem ich erwarte, dass ich gleich mit meiner alltäglichen Arbeit zu tun habe, oder an den ich komme, um zu beten und an dem ich eben keine Veränderung erwarte und keine Auseinandersetzung.

Marie Luise Frey hat mir erzählt, wie sie als Künstlerin versucht einem Raum zu begegnen, in den sie hineinkommt, den sie zu gestalten hat. Es ist ihr wichtig erst einmal ein Gespür dafür zu bekommen.
Wo bin ich hier?
Was macht diesen Raum aus?
Was ist in diesem Raum?
Wie nutzen ihn die Menschen?
Wie bewegen sie sich in diesem Raum?

In diesen Raum hinein stellt sie ihre Kunst (oder spannt sie ihre Kunst); und versucht eine Begegnung zu schaffen, einen Dialog zu spannen zwischen dem, was in dem Raum ist, seiner Funktion, den Menschen, die ihn begehen und ihrem Werk. Und damit spricht sie eine Einladung aus: die Einladung ihrer Kunst zu begegnen, aber auch dem Raum noch einmal neu, noch einmal anders zu begegnen.

Ich glaube, es ist diese spannende Herausforderung, die beide Künstlerinnen reizvoll finden: …in einen echten Dialog zu gehen!!! Auch mit Menschen, die von sich aus erstmal gar keinen Dialog gesucht haben. …im öffentlichen Raum mit den Menschen in Berührung zu kommen und einen neuen Raum/ eine Zeit der Begegnung zu schaffen, …und damit wiederum etwas neu in Bewegung zu bringen.

Wer jetzt total neugierig auf die öffentlichen Räume und die dort verwirklichten Objekte und Installationen der beiden Künstlerinnen geworden ist, dem möchte ich das Künstlergespräch am 14. März hier in der Ziegelhütte sehr ans Herz legen. Da werden einige Werke dann als Fotos gezeigt. Die hätten hier nicht reingepasst.

Wie begegne ich einem Raum?

Als Mensch…

Können Sie sich erinnern, wie Sie vorhin hier rein gekommen sind? Oder wie der Raum auf Sie gewirkt hat, als Sie angekommen sind?
Meistens machen wir das ja ganz selbstverständlich. Wir kommen einfach rein.
Und es ist einfach Teil von dem, was wir gerade machen, was wir vorhaben.

Vielleicht nehmen Sie sich jetzt einen Moment, hier anzukommen und dem Raum nochmal ganz bewusst zu begegnen, sich umzuschauen…

– mit wem bin ich hier?
– was begegnet mir?
– womit komme ich in Berührung?
– was zieht meinen Blick/ meine Aufmerksamkeit zu sich?
– wie wirkt das, was ich wahrnehme auf mich?
– brauche ich vielleicht einen Blick aus einer anderen Perspektive?
– oder brauche ich mehr Zeit um das, was ich sehe und wahrnehme, auf mich wirken zu lassen?

Diese Ausstellung hier in der Ziegelhütte in Darmstadt bringt die Kunst von Meide Büdel und Marie Luise Frey zum ersten Mal in einem Raum zusammen. Sie haben zusammen studiert, zusammen gewohnt, sind seit so vielen Jahren Freundinnen, aber haben noch nie zusammen gewirkt. Diese Ausstellung ist eine absolute Premiere. Und vielleicht ja ein Auftakt.

Vertikal, Horizontal, Diagonal.
So heißt die Ausstellung. So erstrecken sich ihre Werke oft im Raum.Dabei erzeugen sie Spannung oder Balance. Wenn ich mich in dem von ihnen gestalteten Raum bewege, dann werde ich von  ihren Vertikalen, Horizontalen und Diagonalen berührt.

Ich möchte auf einige Werke eingehen.

Gerundetes Holz und Stahl – von Meide Büdel

Mitten im Raum steht dieses Objekt und macht irgendwie, dass die Zeit stehen bleibt. Es wirkt als wäre das Objekt eigentlich gerade in Bewegung. Im nächsten Moment überschlägt sie sich gleich wieder. Aber nein. Sie bleibt statisch. Und so auch ich.
Ich ertappe mich dabei, dass ich kurz die Luft angehalten habe, als wäre auch ich mitten in der Bewegung stehen geblieben.

Jetzt stehe ich hier. Und um mich herum Linien. Horizontale Linien aus Stahl und Holz. Vertikale Linien zart oder dicht auf Papier.

Vertical thoughts – von Marie Luise Frey

„Linien tauchen überall auf“, sagt sie, „Linien, die nicht gradlinig sind.“
Ich muss an Lebenslinien denken, an Adern, an Verzweigungen…an manchen Stellen dicht und stark, an anderen ganz dünn, ein Hauch, manchmal wild, als wären die Verbindungen abgebrochen, manchmal wie ein fester Strang. Ich versuche den Linien zu folgen.
Oder sind es Spuren? Fäden?, die sich spannen und oben und unten miteinander verbinden? 

Ich stelle mir vor, es sind Fäden. Ich stelle mir vor, wie ich versuche sie zur Seite zu schieben und sie ganz haptisch befühlen kann. Manche verknotet oder rau, manche weich und ganz glatt. Manche kann ich gar nicht greifen.

Marie Luise macht ganz viel mit textilen Linien. Dabei macht sie vorher Skizzen. Für diese Ausstellung wollte sie der zeichnerischen Seite, die immer dazu gehört, diesmal den Raum geben.

Ihre Liniaturen hat sie bisher immer im Raum gespannt. Diesmal hat sie mit textilen Linien draußen einen neuen Raum entstehen lassen.
Die neon-grünen und -gelben Fäden spannen sich vertikal, horizontal und diagonal in eine natürliche Umgebung und ihre Unebenheiten. Die Installation erscheint fast organisch. In Spannung dazu stehen gleichzeitig die synthetischen Farben.Der neu entstandene Raum läd nicht nur dazu ein hinzuschauen, sondern sich darin zu verordnen.

Fadenschein

Ein räumliches Erlebnis, das Zeit braucht, um erfasst zu werden. Die beiden textilen Installationen werden mit einander verbunden durch den Bogen, der sich zwischen ihnen spannt.

Zeitzeichen heißt das Werk von Meide Büdel.

Ein Stahlbogen, der auf einer Spitze balanciert.
Wie funktioniert das? Wie gelingt es ihr Stahl zum Schweben zu bringen?
Ich muss an einen Seiltänzer denken, der die Balance nur halten kann, weil er eins wird mit seiner Umgebung und sich darin immer wieder neu austariert.

Meide Büdels Objekte haben oft einen kinetischen Charakter. Zu ihrem Dialog mit dem Raum gehört auch, dass der Raum/ die Umgebungsich auf die Elemente auswirkt.

Zeitzeichen lässt sich vom Wind bewegen, und hat kleine Löcher. Wenn die Skulptur auf einem ebenen Untergrund steht, dann kann man mit der Zeit beobachten, wie durch Regen und Rost spuren am Boden entstehen. Die Skulptur und der Raum malen auf den Boden. Im Dialog entsteht ein gemeinsamer kreativer Prozess.

Ganz anders, aber auch kinetisch wirkt der Bogen aus Aluminium gehalten von Stahl.
Seine Schwingungen erinnern mich an Atmung. Ein und Ausatmen.
Meide Büdel hat mir erzählt, dass einige ihrer Kunstwerke durch die Gegenwart von Menschen im Raum in Bewegung/ in Schwingung gesetzt werden.

Zwei Künstlerinnen begegnen uns hier in diesen Räumen.
Die Eine arbeitet mit einem Material, das federleicht ist und erschafft damit ganze Räume.
Die Andere kann Skulpturen aus Stahl, Holz und Beton zum Schweben und Schwingen bringen.
Ich finde, es wurde endlich Zeit, dass ihre Werke sich berühren.
Und sie tun es sehr symbiotisch.
Nachdem ich die Ausstellung aufgebaut gesehen habe, fiel mir dieses Bild ein:
Bringt man zwei Stimmgabeln, die normalerweise jede für sich schwingen und klingen, nahe zusammen
und schlägt eine davon an, so beginnt auch die zweite zu ertönen.
Es entsteht eine Resonanz. Bei dieser Ausstellung kann man sagen, es ist eine ganze Komposition entstanden.

Wie begegne ich einem Raum?

Ich trete ein. Und ein neuer Resonanzraum entsteht. Sie sind nun eingeladen sich aktiv schauend und verordnend in diesem Resonanzraum zu bewegen, sich berühren zu lassen und mitzuschwingen.
Ich konnte nicht auf alle Werke eingehen, aber die beiden Künstlerinnen sind ja da und kommen gerne mit Ihnen ins Gespräch.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und viel Freude bei ihren Begegnungen mit der Kunst von Meide Büdel und Marie Luise Frey.